Champagner Reise April 2013: Winzerentdeckungen und das Thema Dosage

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Immer mehr unabhängige Winzergruppierungen in der Champagne versuchen sich gegenüber den großen Marken Gehör zu verschaffen. Die Gruppe Terre & Vins de Champagne besteht seit 2009, ein Jahr später formierte sich die Vereinigung Les Artisans du Champagne, dann gibt es noch die „Trait d’Union de Champagne in der einige der ganz großen Kultwinzer der biodynamischen Champagner Weinszene alle zwei Jahre ihre Weine präsentieren (Selosse, Egly-Ouriet, Jérôme Prevost etc..) und neu seit einem Jahr gibt es nun die Terroirs et Talents de Champagne. Cyril Janisson von Janisson-Baradon hatte die Gruppe gegründet, da die beiden anderen aus Kapazitätsgründen keine Mitglieder mehr aufgenommen hatten. Auch „Terroir et Talents“ hat mittlerweile schon 15 Mitglieder. Wir können gespannt sein, ob sich in den nächsten Jahen noch weitere Formationen bilden.

Vom 21. – 23.04.2013 bot sich in der Champagne die exzellente Chance, an drei Tagen gleich drei der oben genannten Gruppen, deren Weine und Winzer kennenzulernen. An diesen Tagen war es sehr interessant zu sehen, dass jede Gruppe ihr ganz eigenes Profil hatte:

Terroirs et Talents empfand ich persönlich als eine Gruppe von Produzenten, die sich auf den Weg gemacht haben, aber einige noch ihren Stil suchen oder noch nicht in letzter Konsequenz bereit sind, Risiken einzugehen um eingefahrene, bislang gut funktioniorende Wege zu verlassen. Hier habe ich viel Gutes (insb. bei den Einstiegscuvees) aber auch wenig Herausragendes entdeckt (viele der Jahrgangschampagner haben es z.B. nicht geschafft das solide Ergebnis der Basis zu toppen).

Terres et Vins, hatte von allen drei Gruppen das schärfste Profil. Hier versammelten sich in der Hauptsache Freaks, Querköpfe und Avantgarde Winzer, die extrem kompromisslos neue Wege gehen und entgegen etablierter Geschmacksmuster produzieren. Hier gab es zu 99% undosierte Champagner, die keine malolaktische Gärung (biologischer Säureabbau) durchlaufen haben und sich einem beißend in jeden Mundwinkel hineinfraßen. Für diese Art von Champagner müsste man wie bei der Wettervorhersage den „gefühlten“ Dosage Level einführen, der lag bei dieser Veranstaltung (zumindest bei mir) oft bei minus 5 g/Liter. Dass die meisten Muster erst ganz kurz zuvor degorgiert wurden, tat das Übrige dazu und man musste einiges an Vorstellungskraft besitzen, wie sich die Champagner einmal entwickeln werden. Ich finde diese Kompromosslosigkeit auf der einen Seite gut, insbesondere geht es ja darum, dem Produkt möglichst nichts zuzusetzen, damit das Terroir und das Naturprodukt ungeschönt und unverfälscht zum Vorschein kommt. Aber auf der anderen Seite fehlte mir bei vielen Champagnern der Trinkspaß. Ich habe vieles entdeckt, wo es sicher spannend ist, einmal ein Glas davon zu trinken, aber bei einer ganzen Flasche würde sich insbesondere der nicht ganz so geübte Genießer vielleicht schwer tun. Allen voran natürlich Leclapart, dessen Champagner eher an Weine mit einem hohen Tanningehalt erinnern. Ach ja und der Dress Code an diesem Tag schien „Vergammelter Strickpulli“ zu sein :)

Artisans de Champagne: In dieser Gruppe waren viele bereits etablierte Produzenten von Winzerchampagner vertreten, wie z.B. Vilmart, Pierre Peters oder Fleury. Dazu passend auch die sehr pompöse Verkostungsadresse, das Luxushotel Domaine des Crayeres. Hier wurde von allen drei Gruppen am kräftigsten dosiert (Zucker zugesetzt), nur selten gab es in dieser Verkostung einen Brut Zero. Ich habe hier wenig kompromissloses, neues entdeckt, dafür eine große Menge an soliden, gut gemachten Produkten. Etwas fehl am Platz wirkte Frédéric Savart, dessen spannende und kompromisslose Champagner bei dieser Veranstaltung extrem aus dem Rahmen fielen. Er hätte sehr viel besser zu der Gruppe Terre & Vins gepasst, aber wahrscheinlich war diese auch schon voll gewesen, als er beitreten wollte… :)

Konflikt für die Produzenten: Geschmack der Europäer tendiert zu immer weniger Dosage – anders als in den USA

Insgesamt ist bei der Nachfrage in Europa ein Trend zu immer weniger Dosage festzustellen, es werden immer mehr Extra Brut und Brut Nature (oder Brut Zero) auf den Markt gebracht. Viele bereits etablierte Produzenten stecken damit in einer echten Zwickmühle, da einer der größten Märkte, nämlich die USA, weiterhin die höher dosierten Champagner fordert. Das bestätigte mir auch Laetitia von Henri Billiot, die einen der meist geschätzten Rosés der Champagne produzieren, der vielen inzwischen mit 10g Dosage aber schon recht süß vorkommt. Letztens in einem Tasting für die Gastronomie in München ist er deswegen sogar durchgefallen. Laetitia hat uns nun angeboten, dass wir eine Charge mit niedriger dosierten bekommen könnten. Fraglich ist allerdings, ob das Produkt dann immer noch so stimmig komponiert ist, wenn man einfach nur 5g Zucker weglässt…

Der Buchautor und Weinhändler Terry Theise findet in seinem aktuellen Champagner Katalog klare Worte in Bezug auf die, wie er sie nennt, “Anti-Dosage-Puristen”: „Among the trendy young growers there’s a sad tendency to see this question in obtusely broad strokes. Less dosage is not always better. It doesn’t make your wine more honest, more pure, more transparent, more sophisticated, or more honorable; it just makes it more dry. …  Most NV Champagne with less than 30 months on the lees is just too snippy and tart with low dosage.”

Es ist in jedem Fall ein begrüßenswerter Trend, dass junge Weinmacher weniger Dosage zusetzen, als es die großen Häuser machen (teilweise auch um Schwächen im Basisprodukt zu kaschieren). Aber der extreme Gegentrend ist evt. auch nicht der Weisheit letzter Schluss. Ein weiterer Punkt, warum ein Anteil an Dosage im Champagner möglicherweise begrüßenswert ist, ist, dass sie länger gelagert werden, älter werden können. Ganz tricky wird es dann, wenn man in Betracht zieht, so Terry, dass es Grundweine gibt, die noch Restzucker enthalten… Dann fällt es dem Winzer nämlich leicht zu sagen, dass er keine zusätzliche Dosage zugesetzt hat. Diese Methode haben mir auch einige der ausstellenden Winzer geschildert, wie z.B. Fabrice Pouillon.

Während Theise aber einen Dosagelevel von 8-10g bevorzugt sagen mir bei großen Champagnern (Vintages etc.) insbesondere die zu, mit einer Dosage von 4-6g. Darüber empfinde ich das Produkt meist etwas pappig, mir fehlt die Frische, manchmal wirkt es wie ausgelutscht und Bonbon artig. Natürlich hängt es auch ganz stark vom Jahrgang ab (warm oder kühl) und ob der Winzer eine malolaktische Gärung (biologischen Säureabbau) durchführt. Bei den Basisweinen darf es ruhig schon mal ein Brut Zero sein, wie z.B. der phantastische von Tarlant, der cremig und voluminös daherkommt trotz des geringen Zuckergehalts. Die spürbare aber gut eingebundene Säure macht ihn zu einem perfekten Aperitivchampagner.

Es gibt also Unterschiede im Geschmacksempfinden. Hoffentlich pendelt es sich irgendwann in der Mitte ein. So auch Theise: „Dosage should be adjusted according to a wine’s beauty and to its aging capacity. I hope producers are flexible enough to give the wine what it asks for:  Harmony and longevity and pleasure-in-drinking.”

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“Terroirs et Talents de Champagne” im  Restaurant Theatre Epernay

Bericht & Verkostungsnotizen

Aspasie (Brouillet)
Coessens (Fouchères)
De Sousa (Avize)
Eric Rodez (Ambonnay)
Fallet-Dart (Drachy)
Philippe Gonet (Le-Mesnil-sur-Oger)
Jacques Copinet (Montgenost)
Janisson Baradon et Fils (Epernay)
Maurice Vesselle (Bouzy)
Maxime Blin (Trigny)
Michel Loriot (Festigny)
Penet Chardonnet (Verzy)
Sélèque (Pierry)
Serge Mathieu (Avirey Lingey)
Vazart Coquart (Chouilly)

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„Terres et Vins de Champagne“ im Castel Jeanson in Aÿ

Bericht & Verkostungsnotizen

Agrapart & fils (Avize)
Bedel (Crouttes-Sur-Marne)
Bérèche & fils (Ludes)
Francis Boulard & fille (Cauroy-les-Hermonville)
Chartogne-Taillet (Merfy)
Couche (Buxeuil)
Marie Courtin (Polisot)
Pascal Doquet (Vertus)
René Geoffroy (Cumières)
Etienne Goutorbe (Aÿ)
Olivier Horiot (Les Riceys)
Jeaunaux-Robin (Talus Saint Prix)
Benoît Lahaye (Bouzy)
Laherte Frères (Chavot)
Vincent Laval (Cumières)
David Léclapart (Trépail)
Marie-Noëlle Ledru (Zw. Ambonnay & Bouzy)
Franck Pascal (Baslieux-sous-Châtillon)
Hubert Paulet (Rilly-la-Montagne)
Pouillon & fils (Mareuil sur Aÿ)
Tarlant (Oeuilly)

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„Artisans de Champagne“ in der Domaine des Crayeres

Bericht & Verkostungsnotizen

Nicolas Maillart (Ecueil)
Pierre Paillard (Bouzy)
Savart (Ecueil)
Huré (Ludes)
Marc Hebrart (Mareuil sur Aÿ)
Pierre Gerbais (Celles sur Ource)
Fleury (Courteron)
Doyard (Vertus)
J-L Vergnon (Le Mesnil sur Oger)
Pierre Peters (Le Mesnil sur Oger)
A. Margaine (Villers-Marmery)
Vilmart (Rilly la Montagne)
Lancelot Pienne (Cramant)
Dehours (Mareuil-le-Port)
Gonet Médeville (Bisseuil)

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Folgende Domains habe ich auch während meiner Reise in der Champagne Vorort besucht (klick auf die Namen führt zu den Bilder und den Berichten):

TarlantCamille SavesHenri Billiot & Janisson-Baradon (tbd.)

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Und in Kürze noch meine Tipps zu Reims, Epernay, Troyes & die Champagne im Allgemeinen

6 thoughts on “Champagner Reise April 2013: Winzerentdeckungen und das Thema Dosage

  1. Pingback: Terres et Vins de Champagne – 22.04.13 im Castel Jeanson in Aÿ | Glücksinseln

  2. Pingback: Terroirs et Talents de Champagne 21. + 22.04.13 im Restaurant Theatre Epernay | Glücksinseln

  3. Pingback: Les Artisans du Champagne – 23.04.13 Domaine Les Crayéres | Glücksinseln

  4. Pingback: Besuch bei Melanie & Benoit Tarlant | Glücksinseln

  5. Pingback: Besuch bei Laetitia Billiot – 24. April 2013 | Glücksinseln

  6. Pingback: Les Artisans du Champagne – 23.04.13 Domaine Les Crayéres | Glücksinseln

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